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Marianne von Oranien-Nassau
Die niederländisch-preußische Prinzessin Wilhelmina Frederika Louise Charlotte Marianne aus dem Geschlecht Oranien-Nassau wurde am 9. Mai 1810 in Berlin geboren. Verstorben ist die Prinzessin am 29. Mai 1883 in Reinhartshausen am Rhein. Ihre Eltern waren das erste niederländische Königspaar: Wilhelm I. von Oranien-Nassau und seine Frau, Wilhelmine von Preußen. Prinzessin Marianne war für das Zeitalter, in dem sie lebte eine sehr außergewöhnliche und unkonventionelle Frau.
Kindheit, Elternhaus, Geschwister
Prinzessin Marianne wurde in Berlin geboren, wohin ihre Eltern 1795 vor der Grande Armée Napoleon Bonapartes geflohen waren. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege (1815) wurde der Vater der Prinzessin, Wilhelm von Oranien-Nassau, zum König der Vereinigten Niederlande als Wilhelm I. gekrönt. Die Familie kehrte in die Niederlande zurück. Wilhelm I. führte nach der Rückkehr eine Reihe von Wirtschaftsreformen durch, die zu einer positiven Entwicklung seines Königreiches führten. Als konservativer Protestant behandelte er seine Landesteile jedoch nicht gleich: die nördlichen, protestantisch dominierten Provinzen der Niederlande erfuhren mehr Förderung vom Königshaus als die südlichen, katholisch dominierten. Diese Politik führte zur großen Unzufriedenheit im belgischen Teil des Königreiches der Vereinigten Niederlande. Diese Unzufriedenheit mündete  1830 in einem belgischen Aufstand und der Losreißung Belgiens vom Königreich. Der belgisch-niederländische Krieg dauerte acht Jahre und führte dazu, dass der Vater Prinzessin Mariannes 1840 abdanken musste. Nach dem Tod Königin Wilhelmines nahm der verwitwete Wilhelm I. 1841 die Gräfin Henriëtte d'Oultremont de Wégimont zur Frau. Wilhelm I. starb 1843 in Berlin.
Die Mutter Prinzessin Mariannes, Königin Wilhelmine von Preußen, war, so berichten die Quellen, eine sehr bescheidene Frau, die sich stets den Belangen ihrer Familie untergeordnet hat. Sie starb 1837 und wurde in der Kirche Nieuwe Kerk in Delft beigesetzt.
Prinzessin Marianne hatte zwei Brüder und eine Schwester. Der ältere Bruder, Wilhelm Friedrich Georg Ludwig (1792-1849)  folgte seinem Vater auf dem niederländischen Thron als Wilhelm II. Ihr jüngerer Bruder, Wilhelm Friedrich Karl (1797-1881), auch Friedrich Prinz der Niederlande genannt, war in den Jahren 1826-1829 Kriegsminister am Königshof. Er führte u.a. umfangreiche Militärreformen durch, die sich an preußischen Militärstrukturen orientierten. Nach der Abdankung des Vaters rückte Friedrich Karl zunächst in den Hintergrund um später erneut, als ihn sein Bruder Wilhelm II. 1849 dazu berief, am niederländischen Militärwesen zu arbeiten, diesmal als Generalinspektor der Königl.-Niederl. Armee (bis 1868). Friedrich Karl wurde 1829 das Angebot unterbreitet König von Griechenland zu werden, doch er lehnte ab mit der Begründung, er könne nicht ein Land regieren, dessen Sprache er nicht kenne und dessen Kultur er nicht verstehe.
Die einzige Schwester Prinzessin Mariannes, Pauline (1800-1806) wurde nur sechs Jahre alt und verstarb bereits vor der Geburt Mariannes.
Die ersten vier Jahre ihres Lebens verbrachte Prinzessin Marianne in Berlin, ihre restliche Kindheit und Jugend verlebte sie am Königshof ihrer Eltern in Den Haag. Sie war ein kluges und aufgewecktes Kind. Als junge Frau zeichnete sie sich durch Intelligenz und ein breit gefächertes Allgemeinwissen aus; sie wurde in der Literatur, Kunst und Architektur unterrichtet. Sie benahm sich ihrem Stand entsprechend und achtete die Etikette, nichts desto trotz war sie ein temperamentvoller und energischer, junger Mensch.
Ehe und Scheidung
Heutzutage bezeichnen manche der Menschen, die auf dem Gebiet der ehemaligen Landgüter Prinzessin Mariannes in Dolny Śląsk (dt. Bez.: Niederschlesien) leben die Prinzessin als eine emanzipierte Frau, manche gar als Feministin oder eine Frau ohne Anstand. Damit liegen sie jedoch ganz falsch. Aus den Quellen geht hervor, dass die Prinzessin in ihrem Leben nur mit drei Männern eine enge Beziehung eingegangen war, wovon nur zwei Beziehungen als dauerhaft zu bezeichnen sind. Der erste Mann in ihrem Leben war der schwedische Prinz Gustav von Wasa, mit dem sie sich 1828 verlobte. Aus politischen Gründen lehnte die Familie der Prinzessin die Ehe schließlich ab, somit mussten sich Marianne und Gustav wieder trennen. Da das Elternhaus der Prinzessin religiös-konservativ war kann man davon ausgehen, dass die Beziehung Mariannes zu Gustav eine rein platonische gewesen ist.
Bald nach der Trennung begannen die Königshöfe in Berlin und Den Haag damit, eine Vermählung der Prinzessin mit ihrem Cousin, dem preußischen Prinz Albrecht Friedrich Heinrich aus dem Hause Hohenzollern, einzufädeln. Albrecht war der jüngste Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Albrechts Bruder Wilhelm wurde später zum Wilhelm I.,  dem ersten Kaiser des wiedervereinigten Deutschen Reiches.
Die Ehe zwischen Marianne und Albrecht wurde am 14. September 1830 geschlossen, das frisch vermählte Brautpaar zog ins Schloss an der Lindenstraße in Berlin ein. Aus der Verbindung mit Albrecht gehen vier Kinder Prinzessin Mariannes hervor:
- Friederike Luise Wilhelmine Marianne Charlotte (1831-1855), später Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen
- Friedrich Wilhelm Nikolaus Albrecht (1837-1906), von 1885 bis 1906 Regent des Herzogtums Braunschweig
- Friederike Luise Wilhelmine Elisabeth (27. August 1840 - 9. Oktober 1840)
- Friederike Wilhelmine Luise Elisabeth Alexandrine (1842-1906), später Frau des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin.
Der Ehebund Prinzessin Mariannes und Prinz Albrechts stand unter keinem guten Stern. Der Prinz war, im Gegensatz zu der Prinzessin, kein allzu intellektueller und sensibler Mensch. Dazu betrog er seine Gattin regelmäßig, oftmals ohne es zu verbergen. Schon nach den ersten Ehejahren gab es erste Krisen. Aus der erhaltenen Korrespondenz der Prinzessin geht hervor, dass sie Ende der 30er Jahre, also knapp zehn Jahre nach Eheschließung, damit begann, eine Trennung von Albrecht zu erwägen. 1845 verlässt Marianne schließlich Albrecht und geht nach Den Haag. Das Scheidungsverfahren wird eingeleitet und endet 1849 mit der Scheidung von Prinz Albrecht.
Johannes van Rossum
1844 wird im Berliner Residenzschloss Prinzessin Mariannes und Prinz Albrechts neuer Diener eingestellt: der Niederländer Johannes van Rossum. Als die Prinzessin sich ein Jahr später von ihrem Mann trennt und in die Niederlande zurückgeht, ist van Rossum in ihrem Hofstaat dabei. Nach der 1849 erfolgten Scheidung von Prinz Albrecht, die am preußischen Königshof sehr missmutig aufgenommen wurde, kommt es zu einem - für die damalige Zeit- noch größerem Skandal: im Herbst 1849 bringt die Prinzessin einen Sohn zur Welt, die Frucht ihrer Liebe zu ihrem Diener van Rossum. Am preußischen Königshof empfindet man die Geburt eines Kindes aus einer Liaison mit einem Mann niederen Standes durch eine Frau, die es bereits zuvor gewagt hatte, einen Hohenzollern-Prinzen zu verstoßen, als einen Affront höchsten Grades. Der Vater Prinz Albrechts, Friedrich Wilhelm III. erklärt seine Ex-Schwiegertochter zu einer in Preußen unerwünschten Person. Er verbietet ihr, sich in seinem Königreich länger als jew. einen Tag aufzuhalten. Bei Ein- und Ausreise musste sich Prinzessin Marianne fortan jedes Mal bei der Grenzpolizei melden, was von einer Person ihres Standes zur damaligen Zeit als Demütigung empfunden werden musste. Diese Strafe des preußischen Königs trifft die Prinzessin hart. Sie hatte danach erschwerten Zugang zu ihren Kindern sowie zu ihren, 1838 und in den Folgejahren erworbenen, Ländereien und Gütern in der Provinz Dolny Śląsk (damals preußisches Niederschlesien). Was den aus der Verbindung mit Johannes van Rossum hervorgegangenen Sohn angeht, so verstarb dieser bereits mit 12 Jahren. An Weihnachten des Jahres 1862 erwies sich die Kinderkrankheit Scharlach als zu stark für den Sohn der Prinzessin. Der dritte Mann in Prinzessin Mariannes Leben, Johannes van Rossum, verstarb 1873.
Prinzessin Marianne - eine Frau, die ihrer Zeit voraus war
Prinzessin Marianne von Oranien-Nassau war ihrer Zeit deutlich voraus. Einerseits war sie, anders als viele ihrer Zeitgenossinen, stark und selbstbewusst genug, um eine unglückliche Ehe zu beenden und um dafür eine Partnerschaft mit einem bürgerlichen Mann einzugehen, mit dem sie glücklich war. Andererseits lebte sie wie die EU-Bürger heute, in Zeiten offener Grenzen: den Winter verbrachte sie in Italien, den Frühling und den Herbst am Rhein oder in den Niederlanden, den Sommer schließlich in Niederschlesien.
Die Prinzessin als Unternehmerin
Prinzessin Marianne gilt als unkonventionelle Frau und das ganz zurecht, wie ihre Tätigkeit als Unternehmerin zeigt. Während ihre Herrenhäuser in Italien (Villa Celimontana als Wintersitz) und in den Niederlanden (Schloss Rusthof als Aufenthaltsort im Frühjahr und Herbst) von der Prinzessin als reine Orte der Erholung gekauft und genutzt wurden, so dienten ihr das Schloss Reinhartshausen sowie ihre Besitztümer in der Provinz Dolny Śląsk nicht nur als Erholungs- sondern auch als Orte wirtschaftlicher Tätigkeit. Das Schloss Reinhartshausen wurde von der Prinzessin in eine Galerie verwandelt; sie investierte in Kunst und ließ den größten Teil ihrer Sammlung dort ausstellen. In Niederschlesien investierte sie dagegen in die Forstwirtschaft, die Kalk- und Eisenherstellung und in den Abbau von Marmorstein. Das zeugt vom unternehmerischen Talent Prinzessin Mariannes; sie konnte ihr Geld ebenso gut und gewinnbringend in der Kunst als auch in Immobilien und Industrieanlagen anlegen.
Die soziale Ader Prinzessin Mariannes
Die Prinzessin war für ihre Wohltätigkeit bekannt. Sie beteiligte sich finanziell am Bau von Schulen und Waisenheimen, sie unterstützte evangelische und katholische Kirchengemeinden. Prinzessin Marianne förderte begabte Jungmaler und griff in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Künstlern unter die Arme. "Vor allem in der Provinz Dolny Śląsk ist die Prinzessin als gute Herrin bekannt"; es gibt viele Geschichten, die hier im Umlauf sind und von ihrem Interesse am Schicksal der Armen und der an den Rand Gedrängten erzählen. Ganz oft wird von ihrer Hilfe berichtet, die sie 1848 leistete: es herrschte damals eine große Hungersnot, die Prinzessin versorgte viele Menschen kostenlos mit Lebensmitteln. Die Wohltätigkeit der Prinzessin nahm mit den Jahren zu. Woran lag das? Zum einen war sie eine sehr religiöse Person, zum anderen erfuhr sie immer wieder Schicksalsschläge: drei ihrer Kinder verstarben zu Lebzeiten der Prinzessin und auch ihr Lebenspartner, Johannes van Rossum, verstarb vorzeitig.
 

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